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Wien, Finale - Deutschland feiert
Donnerstag, 03. Juli 2008 um 11:22

Finale: Deutschland - Spanien 0:1 (0:1)

Sonntag in Wien. Zum ersten Mal in meinem Leben wache ich in einer Stadt auf, in der am Abend ein sehr großes Fußballfinale stattfinden soll. Es sollte ein wundervoller Tag werden. Mit wunderbaren Menschen und einem traurigen, aber dennoch gefeierten Ausgang.

Ralph und ich vor deer FAnzone in Wien Es ist heiß in Wien an diesem Sonntag. Ich sitze am Schreibtisch, muss noch einige Anekdoten und Geschichten aufschreiben, die ich erlebt habe. Am späten Nachmittag kommt Ralph, mein Wiener Freund aus Vorarlberg vorbei. Eine Stunde später ziehen wir los.

Wir fahren direkt ins Zentrum, haben uns in der Fan-Zone verabredet, die ich an diesem Tag zum ersten Mal sehe. Es sind viele Menschen unterwegs, vor allem Deutsche. Am nächsten Tag sprechen die Zeitungen vom „Wiener EM-Sommertraum" („Österreich", Ausgabe vom 30. Juni) und beziffern die Menschenmassen auf insgesamt 250.000. So viele Fans sollen an diesem Tag in der Stadt gewesen sein. Ich vorm Rathaus

In der Fan-Zone allein sind es über 60.000. Wir betreten das Areal, und ich bin beeindruckt. Frohe Menschen bevölkern die Straßen und Plätze. Wir gehen am Rathaus vorbei - was für eine Kulisse, die hier die Leinwand umgibt - den Ring entlang Richtung Karlsplatz. Wir passieren ein weiteres sehr altes, wunderschönes Gebäude. „Das Parlament!" klärt mich Ralph auf. Kurz vor der Oper biegen wir nach links ab zum Heldenplatz, wo neben dem Rathausplatz eine weitere Möglichkeit besteht, an zentraler Stelle dem Public Viewing beizuwohnen. Eine so schöne Fan-Zone hat es, und wird es so schnell nicht mehr geben.

Wasser WienDie Fans sind entspannt. Springen durch eigens aufgestellte Wasserspender. Tanzen zu den Klängen einer Trommel-Combo. Oder versuchen selbst noch ein Ticket für das in zwei Stunden beginnende Endspiel zu ergattern: Ein Sponsor veranstaltet einen Jonglier-Wettbewerb, den ein junger Mann aus Osteuropa gewinnt. Alle Deutschen und Spanier waren zuvor ausgeschieden.

HeldenplatzRalph und ich müssen uns nun entscheiden, wo wir das Spiel sehen werden. Trotz meiner Bedenken gerade hier einem spanischen Übergewicht ausgesetzt zu sein, entscheiden wir uns für den Heldenplatz. Ralph spielt den Stadtführer: „Hier hat Hitler im März 1938 den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich verkündet und wurde überwältigend bejubelt. Sogar auf den Statuen hier auf dem Platz standen die Menschen." Mir schaudert.

70 Jahre später stehen hier viele Nationen friedlich beisammen und sehen ein einseitiges Fußballspiel. Was spannender ist, sind die Geschichten um das Finale herum. Die Spanier feiern schon vor dem Spiel. Einer spricht mich an, zeigt mir sein Handy. „Wahnsinn, ich habe grade eine sms aus Deutschland bekommen. Scheinbar war ich in der Tagesschau zu sehen. Mein Gott, wenn das meine Eltern mitkriegen." Es ist Miguel aus Südamerika, der sich hier Sorgen um die elterliche Unterstützung macht, da die denken, er sei in Deutschland und bereite sich auf seine Österreciher im Spanien-TrikotPrüfung vor.

Dann treffen wir noch viele Österreicher, die das spanische Team supporten. Viele tragen das österreichische Nationaltrikot. Einige sogar das spanische. Als abgepfiffen wird, beginnen sie zu singen „Immer wieder, immer wieder, immer wieder Österreich!" Spanierin auf SChulternFünf Minuten später sind die Gesänge verstummt. Ich spreche einen neben mir stehenden auf den etwas kurz geratenen Jubel an und bekomme zur Antwort, dass man sich noch schonen müsse für eine lange Nacht.

Das Spiel ist also vorbei. Die Spanier feiern, meist unglaublich sympathisch und von ihren eigenen Gefühlen überwältigt. Ich trotte mit Ralph dem Ausgang der Fan-Zone entgegen. Das soll es jetzt gewesen sein? Ungläubig denke ich an die letzte halbe Stunde des Spiels zurück. Ständig habe ich auf ein Aufbäumen gehofft, darauf, dass noch ein Tor fällt oder es noch spannend wird. Das Spiel plätscherte aber einfach so dahin. Spanien war einfach besser.

Vielleicht um die Chancenlosigkeit und den Frust zu überwinden haben sich ungefähr dreihundert Deutsche an einer Säule nahe der Fan-Zone zusammengefunden und feiern. Viele kommen mit gesenktem Kopf heran, lächeln dann und gehen weiter. Ein Lied nach dem anderen wird angestimmt. Eine halbe Stunde stelle ich mich dazu, tanze und singe mit. Viele Spanier winken der deutschen Menge zu, einige singen sogar mit. Es werden Bilder gemacht, wildfremde Menschen nehmen sich in den Arm, alle haben eine Fahne oder einen Schal in den deutschen Farben in der Hand. Die Stimmung ist nicht trotzig. Man könnte sagen, die Versammelten feiern ihren eigenen Froh- und Gemeinschaftssinn, den Spanierin mit Fahneihnen die Nationalelf an diesem Tag verwehrte.

Viele, mit denen ich über dieses Ereignis spreche, meinen, dass die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland der Ursprung einer neuen Selbstwahrnehmung war. Dunkles Feiern vor Säule„Wir sind toll, wir Deutschen", höre ich immer wieder, ohne dass das anmaßend oder gefährlich klingt. Es ist ehrlich gemeint, fühlt sich wie eine Erleichterung an. Und bestätigt sich nach dem Finale. Alle Vorurteile widerlegend wird friedlich und freudig gefeiert.

Dann kommt die Nacht. Am nächsten Morgen wache ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf.

Eines weiß ich sicher, als ich gegen Montagmittag Wien verlasse. Ich komme wieder in diese große, interessante, widersprüchliche, einfach wunderbare Stadt.

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Fußball bewegt - Reisetagebuch zur Fußballeuropameisterschaft 2008