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Wien, der Tag des zweiten Halbfinals
Sonntag, 29. Juni 2008 um 13:20

2. Halbfinale: Russland - Spanien 0:3 (0:0)

Was erwartet einen Touristen in Wien? Die Stadt ist voller Widersprüche. Sehr viele alte Gebäude liegen in Straßen, deren Führung den Verkehr oft mehr behindert, als das sie ihm hilft. Die Atmosphäre strahlt dennoch pragmatische Zuversicht aus. Und in der Mitte liegen mehrer Donauarme, von denen manche Wiener nicht wissen, wie viele es sind und wie sie heißen.

Wien Modell Nach einer sehr kurzen Nacht komme ich am frühen Nachmittag nach Wien. Der erste Eindruck: Wien ist sehr groß, mit Berlin eher vergleichbar als mit Köln, und ein wenig chaotisch. Ich fahre planlos durch die zum Teil sehr engen Gassen. Zaghafte Parkversuche in der Innenstadt enden im Nichts.

Ich erfahre, dass man zum Parken Parkscheine braucht. Soweit, so gewohnt. Dass es diese jedoch nicht an Automaten auf der Straße, sondern in Kiosken - sogenannten Trafiken - und in drei- bis vierfacher Farbauswahl gibt, treibt mich mit dem Auto an den Stadtrand.

Wien U2 Dort parke ich auf einem Supermarkparkplatz, der an eine Außenstelle des ÖAMTC - das österreichischen Pendant zum ADAC - angrenzt. Ich informiere mich über die Parkmöglichkeiten, und bekomme eine mehr als 100seitige Broschüre „Parken in Wien" ausgehändigt. Ab jetzt fahre ich mit der U-Bahn.

Das Netz ist groß, die Bahnen fahren oft. Zum Stadion geht es mit der U2. Mehrere Male verlasse ich die Strecke, steige am Karlsplatz und am Rathausplatz aus, um dort nach Fußballfans Ausschau zu halten. Doch ich sehe nur wenige. Am Rathausplatz waren während des Deutschland - Wien leere U-BahnTürkei-Spiels 13000 Menschen in nur 15 Minuten evakuiert worden. Das Unwetter, welches für die vielen Bildausfälle verantwortlich war, kommt auch an diesem 2. Halbfinaltag zurück.

Doch noch ist es trocken. Ich kehre in die U-Bahn zurück, wo man um kurz nach 20Uhr sogar noch Sitzplätze bekommt. Die meisten Menschen scheinen schon im Stadion zu sein.

Dort herrscht reges, aber gesittetes Treiben. Die glücklichen Ticket-Besitzer stürmen ins Stadioninnere. In 20 Minuten beginnt das Spiel. Die russischen Russische Fans gehen ins StadionFans sind meist wortgewaltiger als die Spanier. Und älter. Und während die Südwesteuropäer meist als Pärchen kommen, scheint der russische Stadionbesuch ein Geschäftsausflug zu sein. Viele - mal mehr, mal weniger gut gekleidete - Männer um die 40 strömen an mir vorbei. In seltenen Fällen werden sie von einer Frau begleitet, die dann in jedem Fall jünger ist als ihr Begleiter. Eine davon stolziert auf sehr langen Beinen über den Platz vor dem Stadion. Sie geht ihrem Mann hinterher, der achtlos weggeworfene Pfandbecher sammelt, was so gar nicht ins Bild passen will.

Dann beginnt sowohl im, als auch vor dem Stadion ein Spiel: Drinnen der Fußball, draußen geht es um Feilschen. Der SSpanische Fans vorm ERnstchwarzmarkt brummt. Trotz jetzt immer heftigeren Regens versuchen um die 30 Verkäufer ihre letzten Tickets an den Mann zu bringen. Ver- und gekauft wird in allen Sprachen und Gebärden. Arabisch, französisch, deutsch, englisch und spanisch wechseln sich ab.

Ich sehe einen Engländer, der eine Karte kauft. Dann einen Deutschen, der für nur 40€ ins Stadion kommt: Er hatte bemerkt, wie ein russischer Zuschauer Eintrittskarten, die er zuviel hatte, ungenutzt in seiner Hosentasche verschwinden lassen wollte. Geistesgegenwärtig hob er ihm drei, vier rote Euroscheine entgegen und der Deal gelang. Er hatte eine Karte. Der Russe hatte dafür etwas Trinkgeld für das Frustfeiern nach Spielende.Ernst Happel Regen

Ich lasse mich durch die Händler und Käufer treiben. Das Spiel hat bereits begonnen. Einer hält mir eine Karte hin, will dafür 100 „Jurou". Ich sage „To much" und werde verflucht. Dann sehe ich den Engländer wieder. Er ist nicht ins Stadion gegangen, sondern versucht seine Karte teurer wieder zu verkaufen.

Es regnet jetzt in Strömen. Kurz vor der Halbzeit - die billigsten Tickets kosten gerade 75€ - fahre ich mit der Bahn in die Stadt zurück. Das Public Viewing aFußball im MCm Stadion fällt dem schlechten Wetter zum Opfer.

Am Prater steige ich aus, laufe die Praterstrasse hinab. Es kommt zu einer Premiere: Die 2. Hälfte erlebe ich als Gast eines offiziellen Sponsors: bei Ronald McDonald.

Auch hier ist ein sehr internationales Publikum zugegen. Einige Araber, vermutlich Iraner, dazu ein russisches Pärchen, asiatische Angestellte, vier Ungarn und ich. Die Ungarn freuen sich, als die spanischen Tore fallen, legen sich nach dem Spiel stolz ihre rot-gelb-roten Schals um und verlassen die McDonals-Filiale als lebende Beispiele der Überwindung alter Ost-West-Konflikte.

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Fußball bewegt - Reisetagebuch zur Fußballeuropameisterschaft 2008