Home Reisetagebuch Salzburg, in einem Fußballland vor unserer Zeit (19. Tag)
Salzburg, in einem Fußballland vor unserer Zeit
Donnerstag, 26. Juni 2008 um 16:54

Halbfinale: Türkei - Deutschland 2:3 (1:1)

EM vorbei - Gastfreundschaft vorbei? In Salzburg stoße ich nach zweieinhalbwöchiger Tour zum ersten Mal auf gelebte Unfreundlichkeit. Nachdem die eigene Mannschaft ausgeschieden ist, zählt für unser Nachbarland anscheinend nur eines: Der Europameister soll nicht aus Deutschland kommen.

Fest UniAm späten Abend komme ich in Salzburg an. Das pädagogische Seminar der Universität ist mein Ziel: Dort geben einige Studenten ein Sommerfest. Eine der Veranstalterinnen, Sandra, hat mir für die Nacht ein Quartier versprochen.

Dank einer guten Beschreibung finde ich die Uni sofort. Als auch Sandra kommt, wird schnell klar: Die Organisation des Festes ruht vor allem auf ihren Schultern, und ich werde mich selbst um Kontakte und eine Abendgestaltung kümmern müssen.

Zunächst bringe ich das Auto in die Stadt. Vielleicht wird ja länger gefeiert und ein Bier zuviel getrunken. Dass dies am gestrigen Abend eine falsche Überlegung war, stellt sich später noch heraus.

Mozarts GeburtshausDas Auto parkt vor Sandras Wohnung, ich laufe durch die Stadt zurück zum Fest, komme an Mozarts Geburtshaus und dem Schloss Mirabell vorbei. Eine schöne Stadt mit gewundenem Fluss - der Salzach - und Festung zeigt sich mir.

Es sind einige wenige deutsche und viele türkische Fans unterwegs. Schon jetzt wird hier gefeiert: Einen Autokorso vor Spielbeginn habe ich zuvor noch nicht erlebt. Die Türken sind vorsichtig optimistisch. Einer meint: „Wir gewinnen 1:0!"

Dann zieht der Himmel zu. Es beginnt zu Tröpfeln. Ich nehme doch den Bus und fahre gut mit dieser Entscheidung. Denn die Wolken entladen sich und es regnet in Strömen. Für die nächsten sechs, sieben Stunden wird es keine Ruhe geben.

Nach dem Aussteigen bin ich an das kleine Wartehäuschen gebunden. Dass ich meine Zuflucht verlasse, kommt wegen der Wassermassen nicht in Frage. Ich würde tropfnass an der Uni ankommen. Während ich auf eine kleine Regenpause warte, rückt der Zeitpunkt des Anpfiffs immer näher.

Um kurz vor halb neun erreiche ich durchnässt die nach drinnen verlegte Feier. Doch von Fußballfieber keine Spur. Eine Band spielt - zugegebenermaßen gute - Musik, aber ich werde langsam nervös. Fünf Minuten vor Spielbeginn sagt der Drummer zur Sängerin, dass es gleich losgehe und sie deswegen noch schnell ein bestimmtes Stück ansingen solle. Ich bin erleichtert.

Dann geht es los. Zumindest optische Signale empfangen wir aus Bern. Die akustischen müssen weichen, stattdessen wird Musik gespielt. Als die Türken treffen, freut sich eigentlich niemand so richtig. Hämisches Lächeln und Grinsen setzt ein: österreichische Schadenfreude. Als Schweinsteiger ausgleicht, jubelt auch fast keiner. Ich bin einer von zwei anwesenden Deutschen. Ab der Halbzeit sollte ich meine Fangenossin nicht mehr sehen.

Tobi nebst einer FreundinDafür kommen Tobi und seine Clique zur Tür herein, von denen insgesamt drei aus Deutschland sind. Man kommt schnell ins Gespräch, jubelt, schreit und schüttelt den Kopf, als nach ungefähr 70 Minuten auch kein Bild mehr gezeigt wird. Aus Deutschland erfahre ich am nächsten Tag, dass die Menschen dort wenigstens mit Audio-Informationen versorgt wurden. Uns bleibt nur ein Standbild, das in rot gehaltener Farbe und Geduld bittet. Es vergehen lange 15 Minuten des Wartens. Dann ist wieder ein Bild da, und es steht 2:1 für Deutschland. Klose hat in unserer Abwesenheit getroffen.

Es folgen Ausgleich und deutscher Siegtreffer. Wir jubeln und werden schräg von der Seite angeschaut. Keiner sagt „Glückwunsch". Als ich versuche auch mit österreichischen Gästen in Kontakt zu kommen, bekomme ich etwas an den Kopf geworfen, was ich nicht verstehe. Als mein Gegenüber merkt, dass mir der schnell gesprochene Dialekt Schwierigkeiten bereitet, setzt er nach. Was er sagt, verstehe ich nicht, doch alle lachen. Ich gebe mich unbeeindruckt, bin aber doch enttäuscht. Solche Situationen passieren zwei, drei mal an diesem Abend.

Ich erinnere mich an ein kleines Wortgefecht zwischen meinem Freund Axel und einem Ortsansässigen vor zwei Tagen in Innsbruck beim Konzert Wolfgang Ambros´: Es hatte geregnet und wieder aufgehört. Axel hatte den vor ihm stehenden gebeten und schließlich aufgefordert, seinen Regenschirm wieder einzuziehen. Doch der zeigt keine Regung - außer der, dass er Axel aufforderte, doch wieder nach Deutschland abzuhauen, wo er herkomme.

Diese Erlebnisse sind nun sicher nicht repräsentativ. Dennoch bin ich verwundert, dass ich so etwas in zwei Tagen mehrere Male miterleben muss.

Dass es auch anders geht zeigen schließlich Sandra und ein Freund. Letzterer fährt mich nach Hause und schüttelt angesichts meiner Geschichten den Kopf. „So sind sie halt manchmal, die Leute", meint er. Und Sandra versucht mir heute früh noch einen Kaffee zu kochen. Gelingt zwar nicht, aber ich finde: der Wille zählt.

Kommentare (3)
germanische Kunst
3 Donnerstag, 03. Juli 2008 um 13:13
Ein Italiener aus Köln
Jaja... Goethe, Mozart, usw... Die fremde Kultur ist nicht auf den ersten Blick zu entwirren! Aber ich habe mich gewehrt!
möglicher Ausdruck der Begeisterung
2 Freitag, 27. Juni 2008 um 17:32
Ethnologin eines störrischen Bergvolkes
...der Österreicher als solcher ist zu überschwenglichen Komplimenten nicht in der Lage. Der diesbezügliche Wortschatz ist bei ihm äußerst gering und lediglich gegenüber der Weiblichkeit, und auch hier nur selten abrufbar.

Das groesste Lob hört sich daher so:
"s'is net gar zu grauslig!"

Wer hier eine freundliche, oder auch nur höfliche Äusserung erwartet, gerade wenn auch noch die Deutschen gewinnen, hat sich mit der Mentalität dieses störrischen Bergvolkes noch nicht genügend vertraut gemacht.

Wer des orstüblichen Dialektes nicht mächtig und sofort als Piefke zu erkennen ist, sollte lieber wissend lächeln, still seinen Wein austrinken und sich erst daheim über den Ausgang des Spieles freuen .... wenn er keinen dabbischen Kommentar hören möchte.

Egal was er sagen wird, unser nimmermüder Reporter, er wird auf jeden Fall durch den Kakao gezogen werden.
Marco, bleibe stark!!!
Goethe Geburtshaus in Salzburg
1 Freitag, 27. Juni 2008 um 10:00
Beethoven aus Köln
Ja,ja, das Goethe Geburtshaus in Salzburg. Mindestens so schön wie das von Mozart in Frankfurt.
Lass dich von den Ösis nicht unterkriegen. Erst wollen se uns Addi unterschieben und dann noch Goethe klauen. Wehr dich mein Freund!

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Fußball bewegt - Reisetagebuch zur Fußballeuropameisterschaft 2008