Viertelfinale: Holland - Russland 1:3 (1:2, 1:1, 0:0)
Wenn man als Fußballfan auf ein Autogramm oder ein Photo von seinen Stars wartet, muss man sehr geduldig sein. Woche für Woche erfahren das viele Fans überall auf der Welt.
Mein Abend hatte in Ascona begonnen. Das Hotel hatte ich nicht gefunden, dafür stand ich nun vor dem Restaurant „7" an der Hafenpromenade und wartete. Doch auf was wartete ich eigentlich. Ein Autogramm? Sollte ich einfach „Hallo, ich bin der Marco" sagen - in dem unwahrscheinlichen Fall, dass die Herren Nationalspieler das Hotel durch den Vorderausgang verlassen würden? Was würde ich fragen? „Wie geht's? Hat das Essen geschmeckt? Schön hier in Ascona, nicht?" Alles nicht gerade besondere Einfälle. Oder sollte man die Spieler einfach in Ruhe lassen? Wenn sie schon einmal einen freien Tag haben? Andererseits, sie sind ja hier nicht im Urlaub!
Ich grübelte, wollte mich dabei gerade auf die Hafenmauer setzen, doch schon war der Polizist wieder an meiner Seite. Sitzen war heute Abend auch verboten.
Das Spiel lief vor mir auf der großen Leinwand. Was weitaus mehr interessierte waren jedoch die Sicherheitsbedienstete, die vor den Eingängen des Restaurants standen und die Nationalspieler, die höchstens drei Meter von der Strasse entfernt den Sommerabend genossen. Ständig blieb jemand stehen, eine Gruppe bildete sich, es wurde mit dem Finger gezeigt und dazu fielen dann die nervös dahingesagten Worte „Doch", „Da", „Schweini", „Wer noch?".
Es machte Sinn, dass die Herren in Uniform am Eingang standen. Ihre Ruhe hätten die Fussballer sonst nicht gehabt. Während der Verlängerung kam dann nicht nur Bewegung in das Spiel. Lehmann, Schweini, Fritz und Co. wechselten vom Restaurant über einen hoteleigenen Zugang zum Hafen, wo eine Sitzecke in einer provisorisch aufgebauten Zeltbar für sie reserviert war.
Das Spiel ging zu Ende. Ich wollte gerade gehen, als die sechs Spieler sich erhoben und nicht, wie ich vermutet hatte, mit einem der vielen Boote zum Hotel chauffiert wurden, sondern einfach die Anlage verließen. Jetzt standen sie am Hafen. Fritz, Borowski und Adler warteten auf den Rest. Ich war verwirrt. Was sollte ich tun?
Die Herren machten keinen entspannten Eindruck. Außerdem merkte man ihnen an, dass sie merkten, dass alle verunsichert waren. Klar? Nachdem ein kleiner Junge sein Trikot signiert bekommen hatte, trat ich an Clemens Fritz heran. „Wäre es zuviel verlangt...?" Weiter kam ich nicht. Schon war meine Karte signiert, der Stift wieder in meiner Hand und Clemens Fritz auf dem Weg nach Hause. Nicht ein Wort hatte er gesagt. Nicht genickt. Nicht gelächelt. Gar nichts.
Ich war noch mehr verwirrt. Dafür hatte ich also gewartet? Man merkte, dass die Nationalspieler den Kontakt nicht wollten. Oder ihm zumindest skeptisch gegenüberstanden. Das empfand ich als übertrieben, konnte es Ihnen aber irgendwie auch nicht verdenken. Schließlich passiert diese Szene in einem Starleben unzählige Male am Tag. Aber es war schon komisch. Sie gingen schließlich das „Risiko" ein, angesprochen zu werden. Dass der Kontakt dann auch freundlicher über die Bühne gehen kann, sollte ich am wenige Tage später bei den Spaniern erfahren, die im Stubaital logieren.
Als ich zum Auto zurückgehend beinahe von Jens Lehmann auf dem Fahrrad umgefahren worden wäre, musste ich schmunzeln. Er hatte gerade jemandem etwas zugerufen, sich dabei umgeblickt und mich fast übersehen. Er lachte. Wenigstens einer, der entspannt ist, dachte ich.
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