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Italienischer Abend in Nürnberg
Geschrieben von: Marco Di Lenarda   
Mittwoch, 18. Juni 2008 um 19:17

Italien – Frankreich 2:0

Ein unvergesslicher Tag in Nürnberg. In der „Frangen-Medrobole“ treffe ich auf Italiener, Italiener und Italiener. Es gibt Spaghetti, Espressi und ich treffe auf Diego Armando Maradonna.

Fahne in NürnbergAm späten Abend erreiche ich Nürnberg. Seit dem gestrigen Montag bin ich nun mit dem Auto unterwegs. Um Spritkosten zu sparen, inseriere ich bei Mitfahrgelegenheitsportalen.

Gleich die erste Mitfahrerin kann mir viel über meinen nächsten Tourort erzählen. So erfahre ich, dass die Stadt nach dem 2. Weltkrieg zwar wie viele deutsche Städte zerstört war; dass man aber im Vergleich zu Köln oder Frankfurt viel langsamer wieder renoviert hat. Das lag daran, dass in Nürnberg das Geld knapper war als in der Rhein- bzw. Mainmetropole. Heute könne man sich darüber aber freuen, findet meine Mitfahrerin Petra Skibbe, weil dadurch „vieles originalgetreu neu entstand und nicht alle Straßen von Zweckbauten gesäumt sind.“

Ich verabschiede mich vor dem Hauptbahnhof. An der Oper vorbei, fahre ich die Fürther Straße stadtauswärts. An den Justizgebäuden der Nürnberger Prozesse vorbei halte ich nach Michele Scala Ausschau. Das ist etwas schwierig, denn ich habe den Neapolitaner, der im Ausländerbeirat der Stadt Nürnberg sitzt, noch nie gesehen. Doch wir sind zu einem italienischen Abend verabredet. Natürlich geht es (auch) um Fußball. Aber in Italien ist Fußball nicht alles.

An einer Ampel treffe ich auf Signor Scala. Ich erkenne ihn daran, dass er mich erkennen will. So einfach ist das manchmal.

Wir fahren gemeinsam zum C.T.I.M., dem „Comitato Tricolore degli Italiani nel Mondo“, einem gemeinnützigen Verein, dessen Name wörtlich übersetzt „Trikolore Komitee der Italiener in der Welt“ lautet. Mit dem Betreten der Tür verlasse ich die deutsche Kultur und tauche ein in eine Subkultur. Am Eingang hängt ein Schild „Saluti a tutte le mamme“ – „Gegrüßt seien all die Mütter!“.

Im Vereinsheim trinken wir einen Espresso. Ich werde herzlich empfangen, auch wenn man mich schräg anschaut, weil ich als Sohn eines Italieners nur spärliche Kenntnisse der Sprache besitze. Wie auch immer. Es gibt Spaghetti con frutti di mare. Ich werde eingeladen und man diskutiert. Romeo, ein Freund Michele Scalas und Leiter des C.T.I.M. in Nürnberg, schimpft auf die bisher bescheidenen Auftritte der Squadra Azzurra bei dieser EURO.

Plakat Neapel AusstellungDie beiden lassen mich an ihrer Geschichte teilhaben. Sie erzählen davon, wie sie nach Deutschland gekommen sind. Erzählen, dass der italienische Staat in den 50er und 60er Jahren für die Vermittlung eines Gastarbeiters 5kg Ruhrkohle erhielt. Erzählen von den Schwierigkeiten, mit denen man als Immigrant damals und auch heute noch zu kämpfen hatte und hat. „Zu dritt lebte man auf 12 Quadratmetern. Zimmer an Zimmer. Wegen der Schichtarbeit war dort nie Ruhe. Innerhalb kurzer Zeit habe ich fast 10 Kilo abgenommen,“ erinnert sich Michele Scala. Die Probleme der heutigen Zeit sind andere. Viele der damaligen Gastarbeiter haben eine geringe Rente und fühlen sich vom italienischen Staat und der italienischen Wirtschaft vernachlässigt. „Schließlich waren wir es, die italienisches Essen, italienische Autos, die italienische Art zu leben an sich hier in Deutschland verbreitet haben,“ überlegen die beiden Freunde. Den Verdienst dafür will die italienische Wirtschaft nicht teilen, klagen die Freunde.

MegarisNach gut einer Stunde ist es Zeit aufzubrechen. Es geht weiter. Wir bleiben in der Subkultur. Michele Scala kümmert sich rührend um mich. Wir fahren zu einer Ausstellung, die zum 20jährigen Jubiläum des Kulturvereins „Circolo Campania“ gegeben wird. Signor Scala ist Vorsitzender des Vereins. Die Ausstellung zeigt die Entstehungsgeschichte Neapels sowie berühmte Söhne und Töchter der Stadt. Vor allem dem Tenor Enrico Caruso sind große Teile der Schau reserviert. „Gezeigt werden Bildtafeln in italienischer und deutscher Sprache, die von Professor Carlo Postiglione dem Vorsitzenden des Kulturvereins Megaris in Neapel zusammengestellt wurden“, heißt es in der die Ausstellung begleitenden Broschüre. Signor Scala gibt mir eine persönliche Führung. Er erzählt von Neapel, den Veränderungen, der süditalienischen Lebensart. Sogar ein kleines Liedchen wird mir vorgetragen. Kurz nach 21Uhr haben wir Alles gesehen. Wir machen die Tür zu und das Licht aus.

Wir fahren in die Südstadt, zum „Club Napoli Norimberga“, dem „Nürnberger Neapel-Verein“. Dort wird das Spiel gezeigt. In der Halbzeitpause sehen wir natürlich nicht Netzer und Delling, sondern Kollegen von der RAI. Etwa vierzig Italiener sind versammelt, und bejubeln die italienische Führung.

Clubführung T-ShirtIch werde der Clubführung vorgestellt, die spontan ein T-Shirt für unsere Spendenaktion zur Verfügung stellt. Die Verantwortlichen haben vor kurzem einen italienischen Fußballclub gegründet, der nach einer Fusion mit dem TSV 1846 Nürnberg nun in der Kreisklasse spielt.

„Das ist viel Arbeit“, bestätigt der Clubchef meine Vorahnung, doch „wir machen das aus Überzeugung“.

Das Spiel geht weiter. Italien zeigt zum ersten Mal im Turnier ein relativ ansprechendes Spiel. Den übernervösen Franzosen gelingt nichts. Als die Tore Hollands eingeblendet werden, schreien die Italiener in Nürnberg ihre Erleichterung heraus. Noch bevor das Spiel zu Ende ist, verlassen viele den Club. Michele Scala und ich schließen uns der Menge an, werden prompt von zwei Tifosi mitgenommen. Im Auto geht es Richtung Innenstadt. 20 Minuten reichen aus, um dieMIt Fahen am Plärrer Szenerie komplett zu verwandeln. Hunderte, wenn nicht tausende Italiener strömen ins Freie. Wer nicht in einem der unzähligen Autos unterwegs ist, die sich hupend den Weg durch die Straßen bahnen, steht jubelnd und singend am Straßenrand. Es dominieren Grün, Weiß und Rot.

Die Polizei sperrt nach kurzer Zeit die Zufahrt zum „Plärrer“, einem Platz im Stadtzentrum. Der Kreisverkehr des „Plärrers“ bildet mit den zum Bahnhof ziehenden Straßen eine riesige Runde, auf dem Autokorsos normalerweise erlaubt sind. Am heutigen Abend steht auch hier der Verkehr still.

Wir lassen das Auto stehen. A piedi erreichen wir den Platz. Viele Italiener sind versammelt, schwenken Fahnen, jubeln und tanzen. Photographen der Presse versuchen die Atmosphäre auf Papier zu bannen. Wir stehen dabei und genießen die Situation.

Nach einer halben Stunde werden wir müde. Michele Scala geleitet mich per Auto zur nahegelegenen Melanchthonstraße. Dort habe ich bei einem Freund meines Bruders einen Schlafplatz. Mit einem Händedruck verlasse ich Michele Scala und die italienische Subkultur. Schade!

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