Home Interview mit Angelo Di Lenarda

Interview mit meinem Vater Angelo Di Lenarda, das schon kurz vor Beginn der EURO 2008 geführt wurde

In einem Gespräch kurz vor Beginn der Europameisterschaft erklärte mir mein Vater, warum es zu einem Finale Deutschland - Italien kommen muss. Ganz nebenbei erzählt er dann von Meilensteinen der Fußballgeschichte und wie er das Finale der Fußballweltmeisterschaft 1974 in München live miterleben durfte.

 

DL: Lieber Papa, schön dass du uns auch einige Fragen beantwortest. Du hast schon viele Turniere miterlebt. Erzähl doch ein bisschen von den größten Momenten, an die du dich erinnerst!

Angelo Di Lenarda: (überlegt) Ja, in den letzten Jahren kam es zu vielen Veränderungen. Wenn ich zurückdenke, 1974 gab´s die Karten für die WM noch in Reisebüros zu kaufen. Da sind wir in Heilbronn eine ganze Nacht hindurch angestanden, um dann morgens um 8Uhr an Karten zu kommen. Heute geht das alles unpersönlich übers Internet, ob das alles fair zugeht? Das bezweifle ich. Da steht das Geld zu sehr im Vordergrund. Die ganze Geschichte ist „durchindustrialisiert". Aber es gibt auch sehr, sehr positive Entwicklungen. (lächelt) Trotz vieler Chaoten war es vor zwei Jahren in Deutschland einfach toll. Da gabs Freundschaften und Verbindungen und Feiern und und und ... Das war nicht immer so. 1974 war ich bei einigen Spielen, habe ein Halbfinale, das Spiel um Platz drei und das Endspiel gesehen, aber da gab es wenig Kontakt unter den Fans. Nicht vor, nicht während und auch nicht nach dem Spiel. Das Verhältnis war kühl; die politischen Gegensätze und Grenzen waren viel bestimmender für das Verhalten der Menschen als heutzutage. Die WM 2006 in Deutschland, aber auch schon Italia ´90 waren in der Hinsicht Meilensteine hin zum Guten. Da ist viel passiert; es hat sich viel verändert.

 

DL: Gibt es eine besondere Erinnerung an einen Moment oder ein Spiel, bei dem du persönlich dabei warst?

Angelo Di Lenarda: Das größte Spiel war das Endspiel 1974 in München. Die Deutschen, als Gastgeber, gegen die unschlagbaren Holländer mit Cruyff, Neeskens, Haan, van de Kerkhof. Das war ein „Auf und nieder". Die Deutschen waren nach dem Elfmeter ja schon beerdigt. Dann kam der eigene Elfmeter von Breitner und die Stimmung hat sich überschlagen. Die Leute sind ausgeflippt, und Müller schießt das 2:1. Und, was das schönste war: Die Holländer waren nach dem Spiel faire Verlierer. Das war toll. Ein zweites unglaubliches Spiel, bei dem ich da war, war das Finale 1988 UdSSR gegen Holland, auch in München. Das war auf jeden Fall dann der sportliche Höhepunkt, mit dem schönsten Tor von van Basten gegen den damals besten Torwart der Welt, Dassajew.

 

DL: Wie wirst du die jetzt beginnende EM schauen - alleine oder doch in der Kneipe mit vielen Leuten?

Angelo Di Lenarda: Ich werde die Spiele mit den Leuten schauen. Das ist interessanter. Die Atmosphäre ist besser. Aber es kommt auch auf die Paarungen an, bei manchen werde ich mich schon ins Wohnzimmer zurückziehen. 2006 bei Italien - Deutschland und auch 1982 beim Finale (ebenfalls Italien gegen Deutschland; Anm. d. Red.) hab ich mich abseits von allen hingestellt. Ich stand in der Ecke der Wirtschaft und hab kein Ton gesagt. Das war irgendwie komisch, aber - ich glaube - besser so. Italien hat 2006 ja schon verdient gewonnen... (beginnt zu Philosophieren) Die Deutschen haben eine Art „Angst", wenn´s gegen Italien geht. Die sind irgendwie „verklammt" dann, auch wenn sie vorher gute Spiele gemacht haben. Ich wünsch mir jetzt für die EM ein Finale Italien - Deutschland. Trotz schlechter Form kann das gut sein, dass es so kommt: Das sind ja beides Turniermannschaften.

 

DL: Warum soll Italien denn überhaupt die Gruppenphase gegen Holland, Frankreich und Rumänien überstehen?

Angelo Di Lenarda: (wird ernst) Die Italiener darf man nicht abschreiben. Die darf man nicht vergessen. Ich bin zuversichtlich. Ich glaube, als Weltmeister geht man an ein solches Turnier mit einem bestimmten Selbstvertrauen. Das ist ein großer Vorteil.

DL: Danke für das Gespräch!

 
Fußball bewegt - Reisetagebuch zur Fußballeuropameisterschaft 2008